Das Polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) gehört zu den häufigsten hormonellen Erkrankungen bei Frauen im gebärfähigen Alter – und doch fühlen sich viele Betroffene lange unverstanden, allein gelassen oder auf einzelne Symptome reduziert. In meiner Praxis erlebe ich immer wieder Frauen, die bereits einen langen Weg hinter sich haben: viele Untersuchungen, widersprüchliche Aussagen und oft das Gefühl, dass „der Körper nicht richtig funktioniert“.
PCOS ist jedoch kein statisches Krankheitsbild. Es ist ein komplexes Zusammenspiel aus Hormonen, Stoffwechsel, Nervensystem und individuellen Lebensumständen. Genau deshalb ist eine ganzheitliche Betrachtung, die schulmedizinisches Wissen mit der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM), Ernährung und gezielten Mikronährstoffen verbindet, so wertvoll.
Dieser Ratgeber soll dir Orientierung geben, Zusammenhänge erklären und dir zeigen, welche sanften und zugleich wirksamen Wege es geben kann, deinen Körper wieder besser zu verstehen und zu unterstützen.
Was ist PCOS?
Das Polyzystische Ovarialsyndrom ist eine hormonelle Regulationsstörung. Die Diagnose wird meist anhand der sogenannten Rotterdam-Kriterien gestellt. Mindestens zwei der folgenden drei Merkmale müssen vorliegen:
unregelmäßige, oder ausbleibende Menstruation (lange Zyklen)
Erhöhte männliche Hormone (Androgene)
Polyzystisch veränderte Eierstöcke im Ultraschall (viele, kleine unreife Eibläschen)
PCOS ist dabei keine klassische „Erkrankung der Eierstöcke“, sondern betrifft den gesamten Organismus.
Typische Symptome
Die Symptome können sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Häufig berichten Frauen über:
Unregelmäßige oder ausbleibende Menstruation
Unerfüllten Kinderwunsch
Akne, vermehrte Körperbehaarung oder Haarausfall
Gewichtszunahme oder Schwierigkeiten beim Abnehmen
Erschöpfung, Stimmungsschwankungen, innere Unruhe
Nicht jede Frau hat alle Symptome – und genau hier beginnt oft die Verunsicherung.
Hormonelle Zusammenhänge beim PCOS
Ein zentraler Faktor bei PCOS ist häufig eine Insulinresistenz (auch ohne Übergewicht). Das bedeutet, dass die Körperzellen weniger sensibel auf Insulin reagieren. Um jedoch den Blutzucker zu regulieren, schüttet der Körper mehr Insulin aus. Dies stimuliert die Eierstöcke und kann sie zur vermehrten Bildung von Androgenen anregen.
Dieses hormonelle Ungleichgewicht kann:
den Eisprung hemmen
die Follikelreifung stören
den Zyklus destabilisieren
Aus schulmedizinischer Sicht stehen daher oft Blutzuckerregulation und hormonelle Balance im Fokus der Behandlung.
Zum Einsatz kommen unter anderem hormonelle Verhütungsmittel, ovulationsfördernde Medikamente oder Empfehlungen zu Lebensstilveränderungen. Viele Frauen wünschen sich ergänzend oder alternativ jedoch sanftere, langfristig orientierte Ansätze – genau hier kann die TCM wertvolle Impulse geben.
PCOS aus Sicht der Traditionellen Chinesischen Medizin
In der TCM wird PCOS nicht als einzelnes Krankheitsbild betrachtet, sondern als Ungleichgewicht im hormonellen und energetischen System. Im Mittelpunkt stehen dabei die Funktionskreise von Niere, die Leber und die Milz, sowie der freie Fluss von Blut und der Lebensenergie ("Qi").
Die Niere ist in der TCM für Fruchtbarkeit, Zyklus und hormonelle Reifung zuständig. Ist ihre Energie geschwächt, kann es zu einem unregelmäßigen Zyklus oder ausbleibendem Eisprung kommen.
Die Leber sorgt für den freien Fluss von Energie und Blut. Stress, emotionale Anspannung oder ein hoher Leistungsdruck können diesen Fluss blockieren. Der Zyklus gerät ins Stocken – ein häufiges Muster bei PCOS.
Die Milz steuert die Verdauung und den Stoffwechsel. Ist sie geschwächt, entsteht aus TCM-Sicht u.a. eine sogenannte Schleim-Feuchtigkeit, die den unteren Bauchraum belastet. Diese Blockade zeigt sich unter anderem als polyzystische Ovarien, Gewichtszunahme oder Trägheit.
Oft kommt zusätzlich Hitze ins Spiel, die sich in Akne, hormoneller Unruhe oder verstärktem Haarwuchs äußern kann.
Aus TCM-Sicht geht es bei PCOS daher nicht um „defekte Eierstöcke“, sondern darum, Energie, Blut und den Stoffwechsel wieder in Balance zu bringen. Ziel ist es, Blockaden zu lösen, den Zyklus zu regulieren und den Körper in seine natürliche Ordnung zurückzuführen.
Dabei spielen Akupunktur, chinesische Arzneimitteltherapie, Ernährung und Lebensführung eine zentrale Rolle.
Wie ich Frauen mit PCOS im Kinderwunsch mit Hilfe von TCM und Akupunktur unterstütze.
Bitte hier klickenErnährungstipps bei PCOS
Die Ernährung ist sowohl aus schulmedizinischer als auch aus TCM-Sicht ein entscheidender Schlüssel.
Schulmedizinische Ernährungsprinzipien
Stabile Blutzuckerwerte
Entzündungshemmende Ernährung
Ausreichende Eiweißzufuhr
Vermeidung starker Insulinspitzen
Empfohlen werden häufig:
Vollwertige Kohlenhydrate
Hochwertige Fette
Viel Gemüse
Regelmäßige Mahlzeiten
Ernährung aus TCM-Sicht
Die TCM betrachtet Nahrung nicht nur nach Nährstoffen, sondern nach ihrer energetischen Wirkung. Bei PCOS bewährt sich oft:
Warm, gekocht und leicht verdaulich
Milz-stärkend (z. B. Hirse, Reis, Wurzelgemüse)
Reduzierung von Zucker, Milchprodukten und stark verarbeiteten Lebensmitteln
Vorsicht mit kalten Speisen und Rohkost
Besonders wichtig ist ein regelmäßiger Essrhythmus, bevorzugt nach dem Kaiser-König-Bettelmann-Prinzip. Dieses Prinzip folgt dem natürlichen Rhythmus des Körpers. Es hilft, die Verdauung zu entlasten und die hormonelle Balance zu unterstützen – ohne strenge Regeln oder Verzicht.
„Nicht nur was wir essen, sondern wann wir essen, spielt eine entscheidende Rolle für unseren hormonellen Rhythmus.“
PCOS: Ernährung & Tagesrhythmus für mehr hormonelle Balance
Das Kaiser-König-Bettelmann-Prinzip basiert darauf, dass die Verdauungskraft, der Energiebedarf und der Stoffwechsel im Tagesverlauf variieren – ähnlich wie die moderne Ernährungswissenschaft weiß, dass Blutzucker, Insulin und Energiebedarf morgens höher sind als abends.
Frühstück: Iss wie ein Kaiser
Am Morgen ist die Verdauungskraft am stärksten. Eine nährstoffreiche, ausgewogene Mahlzeit liefert Energie, stabilisiert Blutzucker und unterstützt hormonelle Balance.
Ziel: Energie aufbauen, Stoffwechsel aktivieren, Hormone stabilisieren.
Beispiele:
warmes Porridge / Congee
Eier mit gedünstetem Gemüse
Hirsebrei mit Nüssen & Samen
Mittagessen: Iss wie ein König
Die Verdauung ist noch leistungsfähig. Eine vollwertige Mahlzeit mit Proteinen, Kohlenhydraten und gesunden Fetten hält satt und liefert Energie für den restlichen Tag.
Ziel: Stabilität, Sättigung, konstante Energie.
Beispiele:
Gemüse + Eiweiß + gute Fette
warm gekochte Mahlzeiten
leicht verdauliche Kohlenhydrate
Abendessen: Iss wie ein Bettelmann
Ab nachmittags fährt die Verdauung herunter und der Stoffwechsel verlangsamt sich. Kleine, leichte und gut verdauliche Mahlzeiten entlasten den Körper, fördern erholsamen Schlaf und vermeiden abendliche Blutzuckerspitzen.
Ziel: Entlastung von Verdauung, Leber & Hormonsystem.
Beispiele:
Gemüsesuppe
gedünstetes Gemüse
kleine Portion Eiweiß
möglichst wenig Zucker & Rohkost
Warum ist dieses Prinzip so sinnvoll – besonders bei PCOS?
Aus ganzheitlicher & TCM-Sicht:
stärkt die Milz (Verdauung & Stoffwechsel)
reduziert Schleim & Feuchtigkeit
stabilisiert den Blutzucker
entlastet die Leber
unterstützt einen regelmäßigen Zyklus
Besonders zu empfehlen bei:
Insulinresistenz
hormoneller Dysbalance
Müdigkeit
Heißhunger
Mikronährstoffe / Supplemente bei PCOS
Mikronährstoffe können eine sinnvolle Unterstützung sein – vorausgesetzt, sie werden gezielt und individuell eingesetzt.
Häufig eingesetzte Supplemente
Myo-Inositol – zur Unterstützung der Insulinsensitivität
Vitamin D – wichtig für Hormon- und Immunsystem
Magnesium – für Nerven, Stressregulation und Zyklus
Zink – Haut, Hormone und Stoffwechsel
Omega-3-Fettsäuren – entzündungshemmend
Nicht „viel hilft viel“, sondern das richtige Maß zur richtigen Zeit.
Ich empfehle Supplemente niemals pauschal, sondern immer im Kontext der individuellen Situation.
PCOS, Stress & hormonelle Balance
Viele Frauen mit PCOS erleben, dass Stress, Anspannung und Leistungsdruck ihre Symptome verstärken. Der Grund liegt zum großen Teil in Cortisol, dem Stresshormon. Doch nicht nur aktueller Stress spielt eine Rolle. Auch kindliche Traumata oder belastende Erfahrungen in der Jugend können das Stresssystem dauerhaft empfindlicher machen. Der Körper reagiert dann stärker auf alltägliche Belastungen, selbst auf kleine Anspannungen. Wird der Körper dauerhaft unter "Druck" gesetzt, steigt der Cortisolspiegel, was die hormonelle Balance stört. Ein hoher Cortisolspiegel kann den Eisprung hemmen, die Androgenproduktion erhöhen und die Insulinresistenz verstärken – typische PCOS-Symptome wie Zyklusstörungen, Gewichtszunahme oder Akne werden dadurch oft verstärkt.
Es ist wichtig, dass wir uns der Wechselwirkung zwischen Körper, Psyche und Emotionen bewusst werden und wir lernen, für uns selbst zu sorgen. Selbstfürsorge bedeutet, dem eigenen Körper und Geist regelmäßig Ruhe, Aufmerksamkeit und nährende Impulse zu schenken. Achtsamkeit kann helfen, innere Anspannungen frühzeitig wahrzunehmen, belastende Gedanken zu erkennen und sanft loszulassen. Selbstreflexion unterstützt dabei, alte Muster, Glaubenssätze oder emotionale Prägungen zu verstehen, die das Stresssystem dauerhaft aktiv halten können.
In Kombination mit einer ganzheitlichen TCM-Behandlung, z. B. durch Akupunktur, chinesischer Arzneimitteltherapie und Empfehlungen zur Lebensführung, können sich Körper, Geist und Hormone wieder in Einklang bringen lassen. So entsteht ein nachhaltiger Weg, PCOS nicht nur symptomatisch zu behandeln, sondern die innere Balance ganzheitlich zu stärken.
Fazit: PCOS aus ganzheitlicher Sicht
PCOS ist mehr als ein hormonelles Ungleichgewicht – es betrifft Körper, Stoffwechsel und Psyche gleichermaßen. Eine ganzheitliche Herangehensweise, die schulmedizinische Diagnostik, Lebensstil, Ernährung, Stressmanagement und TCM miteinander verbindet, bietet gute Chancen, Symptome zu lindern und den Zyklus nachhaltig zu stabilisieren.
Wichtig ist: Jede Frau ist einzigartig. Die Symptome, Ursachen und Bedürfnisse unterscheiden sich, deshalb braucht es individuelle Begleitung, achtsame Selbstfürsorge und die Bereitschaft, Körper und Emotionen bewusst wahrzunehmen.
PCOS ist kein Schicksal – sondern ein Signal, den Körper zu verstehen, zu unterstützen und in Einklang zu bringen.